Riskante Versprechen: Die Citizen-Science-Strategie 2030

Wenn ich jemandem die Citizen-Science-Community beschreiben müsste, würde ich zuallererst sagen: Sieh es nicht als Forschungsansatz, eher als Religion. Hier gibt es keine Teilnehmer oder Organisatorinnen – „Anhänger“ trifft es deutlich besser. Das ist kein Witz! Ein paar Jahre lang hatte ich beruflich am Rande mit Citizen Science zu tun, und nur wenige CS-Aktive, die ich damals kennengelernt habe, hatten eine nüchterne bis abwägende Haltung. Die allermeisten waren von diesem partizipativen Forschungsansatz… ich glaube, man darf sagen: beseelt.

Diese ungebremste Begeisterung kommt auch in dem gerade erschienenen Weißbuch „Citizen Science Strategie 2030 für Deutschland“ zum Ausdruck. Es ist die Weiterentwicklung des Grünbuch Citizen Science von 2016 und ist ein beeindruckendes Mammutwerk, das keine Wünsche offenlässt: Eine sorgfältige Definition des CS-Begriffs, 15 Handlungsfelder mit detaillierten Empfehlungen, eine Übersicht mit politischen Anknüpfungspunkten und ein großes Register mit zentralen Akteuren in Deutschland. Das Ganze ist professionell aufgezogen und alles andere als eine selbstgebastelte Broschüre.

Die Politik zollt dem Citizen-Science-Konzept seit einigen Jahren wohlwollend ihre Anerkennung und versäumt auch nicht, das Schlagwort in Koalitionsverträgen oder im Pakt für Forschung und Innovation auftauchen zu lassen. Allerdings: ein tiefergehendes Interesse, oder gar harte Forderungen, kommen bisher nicht aus dem politischen Raum. Insider wissen: Wie groß das Interesse des Bundestages oder des BMBF an einem Thema wirklich ist, kann man gut an den jährlichen Pakt-Monitoring-Berichten der Wissenschaftsorganisationen ablesen. Je intensiver und kritischer die Politik nachfragt, desto länger werden die jeweiligen Passagen, und desto mehr harte Zahlen enthalten sie (weil die GWK entsprechende Tabellen vorgibt). Bei Citizen Science allerdings stellt man fest: Selbst die Leibniz-Gemeinschaft, die sich CS sehr auf die Fahnen schreibt, hat dem Thema letztes Jahr nur eineinhalb von insgesamt 122 Seiten gewidmet. Kennzahlen, wie zum Beispiel die Anzahl der beteiligten Bürger/innen, mussten bislang nicht geliefert werden. Die GWK ist bereits zufrieden, wenn ein buntes Treiben herrscht und anhand illustrativer Beispiele darüber berichtet wird.

Vielleicht aus diesem Grund versucht die CS-Community seit einigen Jahren, mehr politische Aufmerksamkeit zu bekommen. Das tut sie unter anderem mit einem riskanten Ansatz: Sie versucht, rhetorisch an den Hype-Begriff „Innovation“ anzuknüpfen. Im neuen Weißbuch ist es jedenfalls auffällig, wie oft das Stichwort fällt:

  • „… stellt eine Strategie mit Handlungsempfehlungen für Deutschland vor, die Citizen Science bis 2030 stärkt, um deren Innovationspotenziale für Wissenschaft, Gesellschaft und Politik entfalten zu können“
  • „Citizen Science – Innovation in Gesundheitsforschung“
  • „Die transformativen sozialen und technischen Innovationspotenziale von Citizen Science ermöglichen eine Zusammenarbeit über Sektoren hinweg.“

Einerseits ist das ein intelligenter Ansatz: Von der Wissenschaft wird in den letzten Jahren verstärkt gefordert, dass sie nicht nur Wissen hervorbringt, sondern zum allgemeinen Wohlstand beiträgt. DATI, SprinD, Hightech-Strategie – kaum ein Konzept wird derzeit geschrieben, das sich nicht um die Ankurbelung von Innovationen dreht. Weil für diese Programme eine Menge Ressourcen bereitgestellt werden, lohnt es sich, an sie anzuknüpfen und zu zeigen, was man zu bieten hat.

Andererseits: Wer verspricht, der muss auch liefern. Allein das Wort „Innovationspotenzial“ findet sich an zehn verschiedenen Stellen des Weißbuchs – leider ohne konkrete Beispiele, die dieses Potenzial belegen. Dass hier exzellente Forschung stattfindet, steht außer Frage. Aber wo ist die breite gesellschaftliche Anwendung, die aus den Ergebnissen folgt? Auch in früheren Veröffentlichungen wie dem GEWISS-Abschlussbericht findet sich kein Beispiel für eine konkrete Innovation, die durch Citizen Science entstanden ist und anschließend den Weg in die Praxis gefunden hat.

Ohne Belege so viel zu versprechen, kann riskant sein. Vor ein paar Jahren habe ich meine Bedenken einmal mit einer eine Gruppe von Citizen-Science-Jüngern geteilt: Ich merkte an, dass die wenigsten CS-Projekte die politische Erwartungshaltung bedienen könnten, die mit dem Buzzword Innovation verbunden ist. Damit machte ich mich im Raum nicht gerade beliebt. Innovationen, erklärte man mir, müsse man in einem viel weiteren Sinne sehen. Es ginge nicht nur um Patente und Ausgründungen, sondern um gesellschaftlichen Fortschritt insgesamt. Im Laufe solcher Diskussionen kommt dann auch immer – unweigerlich! – der Punkt, an dem irgendwer raunt: „Es gibt doch auch soziale Innovationen.“ (Leider folgt dann nie ein konkretes Beispiel für eine soziale Innovation, die nachweislich durch ein Citizen-Science-Projekt entstanden ist.)

Um fair zu bleiben: Die Bandbreite an CS-Projekten ist inzwischen beeindruckend. Auch wenn die Umweltwissenschaften überwiegen, geht es längst nicht mehr nur um das Zählen von Schmetterlingen, sondern auch um die Auswertung alter Tageszeitungen, Social-Media-Forschung und Verkehrsmessungen. Auf buergerschaffenwissen.de findet man ein enormes Angebot zum Mitmachen, aktuell fast 140 Projekte. Sie sind sorgfältig aufbereitet, für verschiedene Altersgruppen geeignet und meist sehr niederschwellig. Aber: Fast alle sind Projekte aus der Grundlagenforschung. Von neuen Dienstleistungen, wirtschaftlich nutzbaren Technologien oder Produkten für Endverbraucher sind die meisten weit entfernt.

Dem muss man also die laufende wissenschaftspolitische Debatte gegenüberstellen: Hier ist der Begriff „Innovation“ mit einem eindeutigen wirtschaftlichen Drall versehen. Was die Forschung angeht, liegen die Prioritäten von Bundestag und BMBF zur Zeit stark auf ökonomischer Wertschöpfung (egal ob man das gut findet oder nicht), und es hat wenig Sinn, sie anderweitig „erziehen“ zu wollen. Die Wissenschaft tut sich daher keinen Gefallen, sie die Erwartungshaltung weckt, dass das Zählen von Schlüsselblumen oder die Vermessung des Nachthimmels viel zur wirtschaftlichen Wertschöpfung beitragen kann.

Deutlich sinnvoller – und vor allem von steigendem politischen Wert – ist doch die klassische Nische, die Citizen Science schon immer besetzt hat: Bürgerbeteiligung. Als die Plattform „Bürger schaffen Wissen“ letztes Jahr mit einem World Summit Award geehrt wurde, fand dies nicht etwa im Technologiesektor statt, sondern natürlich in der Kategorie „Government & Citizen Engagement“. Denn insbesondere die Projekte, bei denen ein Live-Kontakt zwischen Forscher/innen und Laien stattfindet, sind weit mehr als nur ein Mitmachen der Bevölkerung: Ein solcher Austausch erzeugt Vertrauen und Respekt – und zwar, was wichtig ist, bei beiden Seiten. Er schafft zudem mehr Transparenz gegenüber den Wähler/innen, denn hier wird nicht nur über Wissenschaft berichtet, sondern eine echte Beteiligungsmöglichkeit angeboten. Einen so hohen Grad der Partizipation findet man höchstens noch im Rechtssystem bei Schöffengerichten. Nein, die Bürgerwissenschaften werden sicher nicht allein die Demokratie retten, dafür sind sie ein zu kleiner Baustein. Aber sie sind aus einer funktionierenden Demokratie auch nicht mehr wegzudenken.

Zurück zur Ausgangsfrage: Hat Citizen Science es wirklich nötig, auf den Innovationszug aufzuspringen? Eigentlich nicht. Inzwischen besetzt CS seine ganz eigene Nische im Wissenschaftssystem, und seine Stärke zeigt sich in der echten Partizipation von Bürgerinnen und Bürgern. Als mehr muss man so etwas Tolles auch nicht verkaufen.

Titelbild Weißbuch: CC-Lizenz BY SA 4.0

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