Sie wollen nicht nur die Zahlmeister sein

Neulich gab es einigen Ärger zwischen Wissenschaft im Dialog und seinen Gesellschaftern (Jan-Martin Wiarda berichtete ausführlich). WiD ist als GmbH etabliert, und seine Gesellschafter sind die großen Außeruniversitären Forschungsorganisationen sowie die DFG und einige Verbände. Der Streitpunkt in Kürze: Die Gesellschafter wollen nun über die Verwendung ihrer Beiträge – die WiD-Grundfinanzierung von derzeit jährlich 851.000 € – stärker mitbestimmen. Diplomatisch formuliert, hieß das, die Hälfte der Gelder werde zukünftig in Projekte fließen, „deren Auswahl zwischen Gesellschaftern und WiD systematischer als bislang abgestimmt werden soll“. Inzwischen hat Geschäftsführer Markus Weißkopf seinen Weggang verkündet.

Das alles kann man natürlich als Streit über die grundsätzliche Ausrichtung der Wissenschaftskommunikation deuten. Aber der Fall WiD passt in ein Muster, das deutlich zutage tritt, wenn man sich die Finanzierung von Initiativen rund um die Forschung ansieht:

  • Jugend forscht wurde einmal gemeinsam vom BMBF und dem Magazin „Stern“ gegründet, wird aber heute aus einer Fülle von Unternehmen, Forschungseinrichtungen, etc. finanziert. Unter den Förderern und Hauptförderern (die besonders viel zahlen) sind vor allem die Außeruniversitären Wissenschaftseinrichtungen.
  • Das Berliner Futurium ist, ähnlich WiD, als GmbH organisiert. Seine Gesellschafter sind neben dem Bund auch die Außeruniversitären Wissenschaftseinrichtungen, der DAAD, einige Wissenschaftsakademien, Stiftungen sowie mehrere Unternehmen. Ihre Gesellschafterbeiträge summieren sich derzeit auf jährlich 1,7 Mio. €.
  • Der Gemeinsame Ausschuss zum Umgang mit sicherheitsrelevanter Forschung war ursprünglich eine Initiative der Leopoldina. Die Geschäftsstelle mit derzeit drei Mitarbeiter/innen wird jedoch seit einigen Jahren auch von der DFG, der Fraunhofer-Gesellschaft, Helmholtz-Gemeinschaft, Leibniz-Gemeinschaft und von der Max-Planck-Gesellschaft mitfinanziert.

Die Liste lässt sich problemlos fortsetzen. Auch das Nationale MINT Forum, die europäische Forschungs-Dachgesellschaft EARTO und einige weitere Initiativen werden nach demselben Prinzip finanziert: Das Geld kommt in großen Teilen von Forschungsorganisationen und Wissenschaftsakademien.

Das klingt zunächst einmal nach lauter guten Initiativen. Mit etlichen hatte ich selbst schon engeren Kontakt, und ja, manche davon sind ihr Geld auch wirklich wert. Das Problem liegt vielmehr an einer anderen Stelle:

Erstens: Neue Strukturen werden häufig ohne geklärte Finanzierung etabliert. Die Motivation dahinter ist sogar nachvollziehbar: Man will eine gute Idee nicht am Geld scheitern lassen. Abgesehen davon, ist es auch legitim, zunächst eine Pilotphase über Projektmittel zu finanzieren, und erst später eine dauerhafte, institutionelle Finanzierung einzurichten. Nur ist es keine sinnvolle Lösung, diese Gelder aus den Budgets der Forschungsorganisationen herauszuschneiden. Die möchten aus den Mitteln nämlich ihre eigenen, ebenfalls sinnvollen Zwecke finanzieren.

Zweitens: Den Forschungsorganisationen bleibt oft keine Wahl, als sich zu beteiligen. Manche Initiativen entstehen nicht aus der Wissenschaft selbst heraus, sondern aufgrund einer politischen Erwartungshaltung. Umso heftiger fällt die Debatte aus, falls eine der angesprochenen Organisationen sich skeptisch zeigt oder gar eine Beteiligung ablehnt. Diese müssen daher abwägen, was schwerer wiegt: die finanzielle Belastung oder die drohenden politischen Querelen. Wenn also das offizielle Wording lautet: „Die Wissenschafts-Organisationen haben gemeinsam XYZ gegründet“ muss das nicht unbedingt heißen, dass alle von ihnen es gerne getan haben. Das Ergebnis sind – im Extremfall – Initiativen, die auf politischen Druck hin entstehen, hinter denen die wissenschaftliche Community nicht steht und für die die Forschungsorganisationen lediglich die Zahlmeister sind. Eine traurige Konstellation!

An dieser Stelle wird meistens auf die finanzielle Größenordnung von Max Planck & Co. Bezug genommen: „Die sollen sich mit ihren Milliarden nicht so anstellen!“ Aber ein grundsätzliches Missverständnis muss hier ausgeräumt werden: Mitglieds- und Gesellschafterbeiträge werden in aller Regel nicht aus dem Forschungsbudget getragen, sondern aus dem zentralen Verwaltungsbudget. Am Beispiel Helmholtz: Die Organisation verfügte zwar zuletzt über ein stolzes Jahresbudget von 3,8 Mrd. € Grundfinanzierung, aber durch eine Festlegung im Bundeshaushalt ist der Etat der Geschäftsstelle auf 10 Mio. € beschränkt. Eine Kostenbeteiligung von 100.000 € bindet also bereits 1% davon.

Und weil immer mehr wissenschaftsbegleitende Strukturen geschaffen werden (die über die Jahre auch noch wachsen), stehen die deutschen Wissenschaftsorganisationen vor einem zunehmenden Problem: Sie sind immer weniger Herr ihres eigenen Zentralbudgets. Nachvollziehbar, dass sie nun den Weg nach vorne einschlagen und im Gegenzug mehr Mitspracherecht für ihr Geld einfordern. Die Rechnungshöfe nennen dieses Prinzip: Wer zahlt, der muss auch steuern.

Es geht bei Wissenschaft im Dialog also gar nicht unbedingt um Wissenschaftskommunikation, sondern um eine Grundsatzfrage der Finanzierung und der inhaltlichen Verantwortung. In der Vergangenheit gab es durchaus schon vergleichbare Fälle: Auch Ausstellungshäuser wie das Futurium mussten mit ihren Gesellschaftern bereits ähnliche Debatten führen. Und es wird nicht die letzte dieser Art sein.

Fazit: Was wir brauchen, ist ein besserer Ansatz, um wissenschaftsbegleitende Strukturen zu finanzieren. Damit meine ich gar nicht, dass das BMBF alle Initiativen durchfinanzieren sollte – auch ein Ministerium hat kein bodenloses Budget und kann jeden Euro nur einmal ausgeben. Aber zumindest sollte das Prinzip gelten: Neue Ideen in der Forschungslandschaft werden finanziell nur von denen getragen, die auch wirklich davon überzeugt sind. Und wer für sie zahlt, dem steht natürlich auch ein Mitspracherecht zu.

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