Die drei Fragezeichen

Nachwuchsförderung ist ein sehr dankbares Geschäft. Egal, was wir uns ausdenken – Doktorandenstipendien, Rotationsprogramme für Mediziner/innen, vollausgestattete Nachwuchsgruppen – die Leute sind immer erstmal glücklich über die Finanzierung. Mit dem Geld können sie eine Weile produktiv weiterforschen, und in manchen Fällen verschaffen wir ihnen sogar das Sprungbrett zur Professur. So geben wir dem Nachwuchs etwas, was er verdient: eine Perspektive.

Pardon, jetzt habe ich (absichtlich) das völlig abgenutzte P-Wort verwendet. Der Begriff „Perspektive“ taucht ständig in der öffentlichen Debatte um den wissenschaftlichen Mittelbau auf, aber ich mag ihn nicht. Er ist mir viel zu unkonkret. Im Management müssen wir mit möglichst klaren Zielsetzungen arbeiten, und gerade weil die Nachwuchsförderung so dankbar angenommen wird, kann eine wichtige Frage schnell aus dem Fokus geraten: Warum machen wir das überhaupt?

Für eine Förderinstitution sind solche Diskussionen zweifellos anstrengend. Unsere Gremien bringe ich gerne mal an den Rand der Verzweiflung, wenn ich immer wieder zur Zielsetzung einer Förderlinie nachbohre. Andererseits: Nichts wäre schlimmer als eine teure Maßnahme, bei deren Evaluation sich herausstellt: Alle Beteiligten haben ein unterschiedliches Bild im Kopf, wozu das Programm eigentlich diente. Genau das zu verhindern, ist unser Job im Wissenschaftsmanagement.

Hier kommt daher meine persönliche Top-3-Liste der richtig gemeinen Fragen, mit denen man Nachwuchsprogramme auf die Probe stellt. Und dadurch am Ende besser macht.

Frage 1: Für wen bilden wir aus – für unsere Institution, oder für das ganze System?

Meistens kommt hier sofort die Antwort: „Für das System natürlich!“ Das kann man auch so stehen lassen. Aber es bedeutet gleichzeitig: Wir investieren viel Geld in wissenschaftlichen Nachwuchs, der dann weiterzieht und woanders seine Leistung bringt.

Bleibt die Antwort unter diesem Gesichtspunkt immer noch so eindeutig?

Frage 2: Wenn jemand in die Wirtschaft wechselt, ist das dann ein Erfolg oder Misserfolg?

Diese Frage ist weniger emotional beladen, aber es gibt sehr unterschiedliche Haltungen dazu. Sie muss spätestens dann geklärt sein, sobald man eine Karriere-Nachverfolgung startet und anhand der beruflichen Wege der Grantees den Erfolg eines Förderprogramms bewertet.

Frage 3: Was muss in fünf oder zehn Jahren passiert sein, damit wir sagen: Unser Programm war erfolgreich?

Diese Frage ist eher unbeliebt. Sie ist sehr hart formuliert und macht eine klare Unterscheidung zwischen „Erfolg“ und „Misserfolg“. Man fordert damit im Prinzip auch ein, Indikatoren und Zielwerte zu benennen, die man erreichen will. Aber die Mühe lohnt sich, weil die Evaluation später umso klarere Ergebnisse liefern kann.

Sie haben für Ihr Förderprogramm alle drei Fragen eindeutig beantwortet? Sie sind nirgends ins Schlingern gekommen? Glückwunsch – offensichtlich haben Sie ein scharfes Bild vor Augen, wozu Ihre Fördermaßnahmen dienen. Daumen hoch! Dann dürfen Sie jetzt in die nächste Runde gehen:

Stellen Sie dieselben Fragen Ihren Gremien. Das ist natürlich etwas hinterhältig, weil man damit problemlos jede Sitzung sprengen kann. Wenn Sie Pech haben, bekommen Sie lauter unterschiedliche Antworten, und schon ist eine herrliche Grundsatzdiskussion im Gange, die gegen 21:30 Uhr wegen allgemeiner Erschöpfung abgebrochen werden muss. Aber ich bleibe bei meiner These: Auch wenn Diskussionen dieser Art mühsam sind, sind sie unentbehrlich für ein effektives Förderprogramm. Und das sind wir dem Nachwuchs am Ende auch schuldig.

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2 Antworten zu “Die drei Fragezeichen”

  1. Lieber Uli. Super Darstellung der Lage. Grade in vielen sogenannten „Gleichstellungsförderprogrammen“ an Unis, aber auch intern bei unserer eigenen Förderinstituton (;-)), fällt mir immer wieder auf, daß genau diese 3 Fragen anscheinend NICHT im Vorfeld(!) gestellt wurden. Ich selber hatte die auch nicht auf dem Schirm in der Vergangenheit. Hauptsache man kann es politisch gut verkaufen, „wir tun was“. Aber ob das alles was bringt und EFFEKTIV ist, interessiert dann (oft) nicht.
    Aber da müssen alle professioneller werden, da trotz einer Menge Programme in der deutschen Wissenchaftslandschaft, sich dort wenig ändert, wenn man die „nackten Zahlen“ anschaut. Aber vermutlich, weil genau diese drei Fragen in der Vergangenheit allzu oft nicht gestellt wurden bzw. eine „Erfolgsevaluation“ nie eingeplant war und damit die Programme nicht das „Ziel“ erreichen können, was man (politisch) erwartet.
    Aber das beginnt schon in Schulen, Stichwort „Girls / Boys Day“. Katastrophe in meinen Augen.

    • Danke, Stefan. Ganz so negativ würde ich die Forschungsförderung in Deutschland nicht sehen, aber Du hast sicher mit zwei Punkten Recht:
      – Ein professioneller Ansatz für Förderprogramme (klare Ziele, aber auch transparente Auswahlkriterien, Gender-Bias-Trainings für Auswahlkommissionen, etc…) war in der Vergangenheit eher die Ausnahme – egal, um welche Organisation es ging.
      – Es gibt immer die Verlockung, Programme aufzusetzen, weil sie politisch opportun sind. Ohne Frage.
      Aber ich glaube trotzdem, die Situation bessert sich, sobald das Wissenschaftsmanagement nicht nur ausführendes Organ der wissenschaftlichen Gremien ist. Wenn man auf Augenhöhe zusammenarbeitet, rücken solche professionellen Fragen („Was ist unser Ziel? Wie effektiv ist die Maßnahme?“) viel stärker in den Vordergrund, und das ist ja auch gut so.

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